Die rote Welle – Landesstreik in einem brodelnden Europa

Der Generalstreik von 1918 ist die in die Schweizer Geschichte als eines der prägenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts eingegangen. Doch die Geschehnisse rund um das Oltener Aktionskomitee müssen im grösseren Kontext betrachtet werden.

Für die meisten Linken ist er ein Mythos, der den Grundstein für die Sozialwerke legte, für  Rechte, wie Blocher, ein bolschewistischer Umsturzversuch – auch zu seinem hundertsten Jubiläum sorgt der Schweizer Landesstreik von 1918 für aufgehitzte Debatten. Doch fernab von Mythenbildung und Panikmache vor allem, was rot ist, war der Landesstreik vor allem Ausdruck der Lebensbedingungen in einem Europa, das im Innern tief verrottet war. Der 1. Weltkrieg, wegen dem bereits Milionen und Abermillionen ein elendes Ende im Schlamm der Schlachfelder gefunden hatten, forderte immer noch Opfer und die Versorgungslage war nicht nur in den kriegsführenden Staaten ernst. Hunger machte sich auch in der Schweiz breit. Es kam zu Hungerdemonstrationen, wobei in Bellinzona im März 1918 eine verzweifelte Menge eine Milchzentrale plünderte und im Juli wurde bei einem Hungerprotest in Biel ein junger Mann erschossen. Zu dieser Zeit war jede sechste Schweizer Familie auf Notstandsunterstützung angewiesen. Gleichzeitig fuhren aber Kapitalisten enorme Kriegsgewinne ein und liessen jeden Versuch von besserer Bezahlung niederschlagen oder kriminalisieren. Der Boom in der Industrie verschob die Kräfteverhältnisse in Richtung der Werktätigen. Arbeitskraft wurde auf dem Markt nachgefragt, was trotz der Repression die Erfolgsaussichten von Streiks vergrösserte.

Und gestreikt wurde immer häufiger. War es 1916 noch zu 35 Arbeitskämpfen gekommen, kam es 1918 ohne den Landesstreik mitzuzählen zu insgesamt 269 Streiks mit 24’382 Teilnehmenden. Mit der immer schlechter werdenden Versorgungslage radikalisierte sich bei vielen auch das Bewusstsein. Diese Radikalisierung schlug sich vor allem in der sozialdemokratischen Jugendorganisation (SJO), der Vorläuferin der Juso, nieder. Vor allem durch die Arbeit des revolutionären Sozialisten Willi Münzenberg war die SJO zu einer schlagkräftigen Organisation geworden, die im Jahre 1917 5000 Mitglieder hatte und für die die Revolution der ArbeiterInnenklasse in Russland zum Fanal wurde. In der Sozialdemokratie spielte sich während der Kriegsjahre ein Flügelkampf ab, aus dessen Verlauf der Berner Tagwacht-Redakteur und Nationalrat Robert Grimm mit seinem zentristischen Lager als dominierende Kraft hervorging. Das Zentrum ging aus der politischen Tradition des SPD’lers Karl Kautsky hervor und positionierte sich bewusst zwischen dem reformistischen Lager und revolutionären MarxistInnen. Die ZentristInnen standen gewissermassen zwischen den Stühlen. So wurde durch die Gruppe um Grimm zwar versucht den Einsatz der Armee gegen Streikende zu verhindern, doch wurde noch an einem Parteitag der SP 1917 ein Bekenntnis zur Landesverteidigung abgegeben. Wohl auch als Eingeständnis gegenüber dem Bürgertum, um nicht als vaterlandslose Gesellen zu erscheinen, wie der deutsche SPD’ler Karl Liebknecht, der als Mitglied des revolutionären Flügels als einer von zwei Abgeordneten der Sozialdemokratie die Kriegskredite 1914 abgelehnt und verkündet hatte, dass der Hauptfeind im eigenen Land stehe.

Der Landesstreik war anders als es von ganz Recht noch bis in die 60er dummdreist behauptet worden war, kein austarierter Plan der sowjetischen Bolschewiki, um die Ordnung in der Schweiz zu zerschlagen. Er war logische Folge der desaströsen und menschenfeindlichen Politik der Bourgeoisie. Und er beweist, dass die Schweiz auch schon vor 100 Jahren keine Insel war. So geschah der Landesstreik in einem Umfeld revolutionärer Erhebungen. In Russland hatten die Werktätigen und die Bauern den Zar und die 500-jährige Romanow-Dynastie gestürzt, die zuvor als reaktionärstes Glied in der Kette der imperialistischen Staaten Europas unter den Massen Russlands gewütet hatte, Truppen, die von der Entente gegen den jungen Sowjetstaat eingesetzt wurden, begannen ebenso zu meutern, wie Truppen an der Westfront, in Deutschland brodelte es und die Zeichen standen auf Aufstand und der österreichisch-ungarische Vielvölkerstaat begann sich aufzulösen. Und auch heute in der globalen Krise des Kapitalismus befinden wir uns in schicksalshaften Zeiten und dieses System, das vielen Armut und wenigen perversen Reichtum bringt, wird immer stärker in Frage gestellt. Doch anders als Grimm und dem Oltener Aktionskomitee, die man in vielem für ihren Mut bewundern und in anderem kritisieren muss, müssen wir uns klar machen, dass Forderungen zur Misere heute internationale Forderungen sein müssen, die nicht an den Grenzen des Schweizer Nationalstaats halt machen dürfen. Es müssen Forderungen sein, die die Brücke von den realen Lebensumständen der Menschen hin zur Überwindung des Kapitalismus schlagen. Es müssen Forderungen sein, die weitergehen als kleine technische Änderung an einer Maschine die in sich schon kaputt ist.

Nur so können mehr aus diesem erinnerungswürdigen Jubiläum machen, als ein paar Forderungen auszutüfteln, die erst in den Schlagzeilen und dann in der Schublade landen.

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